Alphabetisierung und Grundbildung sind zentrale Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe, berufliche Entwicklung und selbstbestimmtes Handeln. Wer sicher lesen, schreiben und rechnen kann und über digitale Grundkompetenzen verfügt, kann den Alltag und das Berufsleben besser bewältigen. Gerade in einer zunehmend digitalisierten und sich wandelnden Arbeitswelt sind diese Fähigkeiten unverzichtbar.
In Baden-Württemberg sind beide Bereiche zentrale Handlungsfelder der Erwachsenenbildung und stellen eine dauerhafte bildungs-, arbeitsmarkt- und sozialpolitische Querschnittsaufgabe dar.
Grundbildung für mehr Teilhabe
Grundbildung beinhaltet weit mehr als das sichere Beherrschen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Dazu gehören auch digitale Kompetenzen, der Umgang mit Informationen sowie alltagsrelevante Kenntnisse etwa in den Bereichen Gesundheit, Finanzen, Wohnen, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe. Grundbildung ist die Basis für lebenslanges Lernen, im beruflichen wie auch im privaten Bereich.
Menschen mit geringen Grundkompetenzen stoßen im Alltag häufig an Grenzen, etwa beim Ausfüllen von Formularen, beim Lesen von Arbeitsanweisungen oder bei der Nutzung digitaler Angebote. Grundbildung setzt niedrigschwellig an und orientiert sich an konkreten Lebens- und Arbeitssituationen der Menschen. Die erworbenen Kompetenzen lassen sich unmittelbar im Alltag und im Beruf anwenden.
Bedeutung der Grundbildung
Aktuelle Studien zeigen den hohen Bedarf an Grundbildung: Laut OECD-Studie PIAAC 2024 („Pisa für Erwachsene“) verfügen rund 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland über geringe Lesekompetenzen. Auch die zweite Level One-Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 geht davon aus, dass etwa 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Auf Baden-Württemberg umgerechnet ergibt sich daraus eine Zahl von rund 750.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren.
Grundbildung ist auch für die Arbeitswelt von großer Bedeutung. Fachkräftemangel, Digitalisierung, der demografische und strukturelle Wandel erhöhen die Anforderungen an Beschäftigte. Grundkompetenzen sind daher eine notwendige Voraussetzung, um beruflich Schritt zu halten, sich weiterzuentwickeln und die Beschäftigungsfähigkeit zu sichern.
Politischer Rahmen und Zusammenarbeit
Alphabetisierung und Grundbildung sind in Baden-Württemberg als ressortübergreifende Querschnittsaufgabe verankert. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen der Landesstrategie Alphabetisierung und Grundbildung Baden-Württemberg. Beteiligt sind neben dem federführenden Kultusministerium das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit, das Ministerium für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat. Ziel der Landesstrategie ist es, Menschen mit Grundbildungsbedarf niedrigschwellig zu erreichen, ihre gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.
Ein zentrales Element der Landesstrategie ist der Landesbeirat für Alphabetisierung und Grundbildung Baden-Württemberg. In ihm sind 33 Verbände und Einrichtungen vertreten. Er bringt Erfahrungen aus Praxis, Wissenschaft und Verwaltung zusammen und unterstützt die fachliche Weiterentwicklung der Grundbildungsarbeit im Land.
Die baden-württembergische Landesstrategie ist Bestandteil der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung, die Bund, Länder und weitere Partner von 2016 bis 2026 gemeinsam umgesetzt haben. Ziel ist, die Lese- und Schreibfähigkeiten Erwachsener in Deutschland zu verbessern und mehr Menschen mit Unterstützungsbedarf mit passenden Lernangeboten zu erreichen. Ab 2027 soll die Nationale Dekade als AlphaBündnis fortgesetzt werden.
Die Landesstrategie wird durch verschiedene Angebote und Strukturen umgesetzt. Dazu gehören acht Grundbildungszentren, die Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung, Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, das Bildungsjahr für erwachsene Flüchtlinge ohne oder mit geringen Sprach- und Schriftsprachkenntnissen (BEF Alpha) sowie Angebote der arbeitsorientierten Grundbildung (AoG).
Die acht Grundbildungszentren in Mannheim, Rastatt, Offenburg, Stuttgart, Ulm, Ludwigsburg, Karlsruhe und Schwäbisch Gmünd bilden eine wichtige Infrastruktur der Grundbildung in Baden-Württemberg und sind Anlaufstellen vor Ort. Sie bieten niedrigschwellige Lernangebote von offenen Formaten wie Lerncafés bis zur individuellen Begleitung. In Zusammenarbeit mit Unternehmen, Jobcentern, Bibliotheken, sozialen Einrichtungen und weiteren Partnern erreichen die Grundbildungszentren auch Menschen, die den Weg in klassische Lernangebote bislang nur schwer finden.
BEF Alpha richtet sich an erwachsene Geflüchtete mit geringen oder fehlenden Lese-, Schreib- und Sprachkenntnissen. Das Programm verbindet Alphabetisierung und Sprachförderung mit Berufsorientierung, digitaler Grundbildung, Demokratiebildung und Alltagskenntnissen. Ein fünfwöchiges Betriebspraktikum ergänzt das Angebot und unterstützt den Übergang in weiterführende Bildung, Ausbildung oder Beschäftigung.
Die Wirksamkeit des Konzepts wurde 2026 durch eine Studie der Pädagogischen Hochschule Weingarten untersucht und empirisch belegt. Die UNESCO hat das Konzept von BEF Alpha als Beispiel für die Erwachsenenbildung von Geflüchteten veröffentlicht: Citizenship education der UNESCO
Broschüre „BEF Alpha oder: Wie Integration gelingen kann“ (PDF)
Ein Schwerpunkt in Baden-Württemberg ist die arbeitsorientierte Grundbildung (AoG). Sie richtet sich an Erwerbstätige mit geringen Qualifikationen sowie an arbeitslose Menschen. Ziel ist es, grundlegende Fähigkeiten so zu stärken, dass Beschäftigung gesichert, berufliche Entwicklung ermöglicht und vorhandene Fachkräftepotenzial besser genutzt werden können. AoG verbindet Grundbildung mit berufsbezogenen Inhalten und konkreten Anforderungen des Arbeitsalltags.
Die Handreichung der Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg „Potenziale entfalten, Fachkräfte heranbilden“ informiert über die Potenziale der arbeitsorientierten Grundbildung: Handreichung zur arbeitsorientierten Grundbildung.
Seit 2016 ist die Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg Bestandteil des Landesprogramms und wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Baden-Württemberg finanziert. Trägerin der Fachstelle ist die Technische Akademie für Berufliche Bildung Schwäbisch Gmünd e. V.
Als zentrale Anlauf- und Servicestelle koordiniert und unterstützt die Fachstelle die landesweite Grundbildungs- und Alphabetisierungsarbeit. Sie vernetzt die Akteurinnen und Akteure, begleitet die fachliche Weiterentwicklung und bietet Fort- und Weiterbildungen sowie Materialien für Lehrkräfte und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an.
Das 2021 eingeführte Alpha-Siegel wurde vom Grundbildungszentrum Berlin entwickelt und in Zusammenarbeit mit der Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg im Land eingeführt. Es zeichnet Einrichtungen aus, die ihre Angebote und Strukturen gezielt auf die Bedürfnisse von Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten ausrichten. Dazu gehören unter anderem die Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden sowie eine barrierearme Gestaltung von Wegweisern und Informationen vor Ort und auf der Homepage.
Die Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung begleitet Einrichtungen auf dem Weg zur Zertifizierung. Das Kultusministerium Baden-Württemberg verleiht das Alpha-Siegel abschließend. Zu den Siegelträgern zählen neben Bildungseinrichtungen auch Bibliotheken, Unternehmen und Jobcenter.



